Eine Bewegung braucht ein Archiv.

...oder auch: Unsere Geschichte gehört uns.

Das Lili Elbe Archiv (gegründet: 20.11.2013)  ist ein unabhängiger Ort zur Überlieferung der eigenen Geschichte nicht-normativer Geschlechtlichkeiten. So vielschichtig, heterogen und bunt diese Bewegungslandschaft ist, desto notwendiger ist es das politische Handeln und die Geschichte der eigenen Aktivitäten zu sammeln, zu bewahren und zu vermitteln.

Die "etablierten" (öffentlichen) Bibliotheken, Archive und Museen besitzen eine sehr rigide Sammlungspolitik und Dokumente einer Bewegung, wenn sie von der Norm oder dem eigentlichen Sammelgebiet abweichen, finden nur selten Eingang in deren Bestände. Gleiches gilt oftmals für "Graue Literatur", die nicht durch kommerzielle Systeme und Identifikationsnummern (ISBN, ISSN...) verfügbar ist. Durch solche Ausschlussmechanismen bleibt die Bewegungsgeschichte nicht-normativer Geschlechtlichkeiten in ihrer Vielfalt oft außerhalb des verfügbaren kulturellen Gedächtnisses.

Um diese Ausschlusspraktiken zu durchbrechen und ihnen ein Gegengewicht entgegen zu stellen, wurde das Lili Elbe Archiv gegründet. Die Gründung entsprang dem Bewusstsein und der Initiative einiger Menschen, dass es den widerständigen Bewegungen obliegt ihre Geschichte selbstdefiniert zu sammeln, zu bewahren und wenn nicht jetzt, wann dann? Während die Bewegungen in England, den USA und Kanada bereits über mindestens eins solcher Archive verfügten, blieb diese Entwicklung in Deutschland bis zu unserer Gründung hin aus.

Wir erkennen die Leistungen einzelner Personen und Organisationen an eigene kleinere und größere (digitale) Sammlungen und private Archive bereits seit längerer Zeit zu führen. Doch was passiert mit den Dokumenten, wenn Vereine sich auflösen, einzelne Menschen mit ihren Sammlungen aus den Organisationen verschwinden oder sie irgendwann nicht mehr in der Lage sind, aus unterschiedlichsten Gründen, ihre Dokumente weiterhin zu verwalten oder vor dem Verfall zu bewahren und wie ist ein öffentlicher Zugang für die Gesamtheit der Bewegung und andere Menschen möglich? Wer bewahrt Geschichte, die bisher immer nur mündlich weitergegeben worden ist? Antworten auf diese Fragen zu geben und jene offensichtlich bestehenden Lücken zu schließen macht unsere Arbeit aus.

Nicht zuletzt sind die Sammlung, Bewahrung und Vermittlung der Geschichte einer Bewegung nicht nur eine Form der Sichtbarkeit, des Bewusstseins, des Erinnerns & Gedenkens und eine Frage der historischen Identität_en, sondern auch eine Form der Danksagung und des Respekts gegenüber der Arbeit, den Erfahrungen und Errungenschaften einzelner Personen und Organisationen. Danke, vielmals, für EURE Arbeit.

Mehr als ein Archiv - Sichtbarkeit

Das Lili Elbe Archiv versteht sich auch als ein Informationszentrum und betreibt zu diesem Zweck, neben dem Archiv, eine Präsenzbibliothek in Berlin, publiziert zu verschiedenen Themen und führt Workshops zusammen mit Menschen der Bewegung_en durch. Im Februar 2015 startete auch das Schul-Bildungsprojekt "Vielfalt der Identitäten im Wandel der Zeit".

Eine Sichtbarkeit der Bewegungsvielfalt ist oft sehr einschränkt vorhanden und seltener von Menschen aus der Bewegung heraus selbst verfasst, weil es lange Zeit keine eigene Geschichtsschreibung und breite Vermittlung gab. Oft war auch der Zugang zu vorhandenem Wissen und Quellen nur schwer möglich, weil man nicht genau wusste wo man danach suchen sollte und private Sammlungen häufig nur durch persönliche Bekannschaft zugänglich sind. 

Dies alles probudziert oft Ausschlüsse, bildet zum Beispiel nur im geringem Ausmaß die Wissensproduktion ab und schreibt die Unterteilung der Bewegungen nicht-normativer Geschlechtlichkeiten in vermeintlich trennscharfen Kategorien/ Normierungen fest.

Durch unsere nicht-auschliessende ("hier wird nichts weggeworfen oder ausgesondert") Sammlungspolitik von Zeugnissen nicht-normativ geschlechtlicher Lebensrealitäten versuchen wir uns einer Sichtbarmachung von vielfältigen Zugängen und Auffassungen zu nähern, die eine Bewegung ausmachten oder noch ausmachen. Die Archivierung dient dabei der Sichtbarmachung der Bewegung als Ganzes in der Gesellschaft und für die eigene Bewegung selbst, der einzelnen Strömungen und Themenkreise, von Pionier_innen* (bspw. verwirklicht durch unsere Zeitzeugen-Interviews) und singulärer Ereignisse (bspw. der Einführung des "Transsexuellengesetztes") in ihrem jeweils historischem Kontext. Erst durch ihre Sichtbarmachung entsteht u.a. die Möglichkeit auf Vorbilder und Identifikationsfiguren zurückgreifen zu können. Auch dies, teilweise verwirklicht durch unsere online verfügbaren Kurzbiographien, schafft ein Bewusstsein und eröffnet neue Möglichkeiten eine Identität/ ein Gesicht als Bewegung zu finden. Vorbilder und Identifikationsfiguren repräsentieren damit die Chance auf Identifikation außerhalb der vorherrschenden gesellschaftlichen Ordnung und Bedeutung.

Bewegung ist Geschichte - Geschichte ist in Bewegung

Punktuelle Speicherungen von Drucksachen und Bewegungsgeschichte sowie Kunst und Kultur gibt es bereits, wie z.B. in gewissen Teilen im Spinnboden - Lesbenarchiv und Bibliothek, dem Schwulen* Museum Berlin, dem Archiv der Magnus Hirschfeld Gesellschaft und einzelne Druckwerke, die in „etablierten“ öffentlichen Bibliotheken zu finden sind. Doch leider sind die Quellen durch die Verstreuung unsichtbar, erhalten dadurch auch nicht immer einen umfassenden Kontext oder bei Suchanfragen kann es dazu kommen, dass man folgende Antwort bekommt: "Leider ist der von uns gelistete Titel nicht mehr verfügbar und wird nur noch aus historischer Vollständigkeit weiterhin geführt"

Deshalb schlossen wir uns 2014 zu einem gemeinsamen Archivverbund, dem Digital Transgender Archive, mit den anderen bestehen Archiven in den USA und Kanada zusammen. Das Digital Transgender Archive ist als eine zentrale Stelle zur Online-Recherche und Arbeits- /Informationsgrundlage gedacht, die die verfügbaren Quellen in einem globalen Kontext einbettet und zusammenführt. Dies ermöglicht neues Wissen zu produzieren und eine regional übergreifende Sichtweise zu ermöglichen.